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Jekyll&Hyde Jan Ammann exklusiv

Künstler und Konzerte

Gibt es das Böse wirklich…?
Das Musical „Jekyll&Hyde“ in Bad Hersfeld versucht Antworten auf diese Frage zu finden

Die Bad Hersfelder Sommerfestspiele gehören mittlerweile zu einer festen Tradition. Im Jahre 1951 wurden, unter der Intendanz von Johannes Klein, bereits Klassiker wie „Jedermann“ oder Beethovens „Fidelio“ in der alten Stiftsruine aufgeführt. Die Ruine selbst hat jedoch ihren historischen Ursprung im Jahre 736 nach Chr., als ein Schüler des Heiligen Bonifatius eine Einsiedelei im heutigen Stiftsbezirk errichtete. Kein Geringerer als Karl der Große erhob 775 das Kloster Hersfeld zur Reichsabtei. 1038 zerstörte ein Feuer die Stiftskirche, die allerdings 1144 wieder aufgebaut wurde und 1761 ein zweites Mal einem Brand zum Opfer fiel. Indirekt lässt hier schon sagen, dass stets das Böse diesen heiligen Ort aufsuchte und nicht zu besiegen war!

Die Spielsaison 2008 stand ganz unter dem Motto der Historie, so wurde nicht nur das Musical „Jekyll&Hyde“ unter der Intendanz von Elke Hesse aufgeführt, sondern auch die Klassiker „Romeo und Julia“, „Minna von Barnhelm“, „Die Jungfrau von Orleans“ und für die jungen Zuschauer das Märchen „Der gestiefelte Kater“.
Für Musicalfreunde lohnte sich die Reise ins hessische Bad Hersfeld allemal, da das Stück „Jekyll&Hyde“ jahrelang in Köln aufgeführt wurde und dort bereits einen großen Fankreis sein eigen nennen konnte.
Ausgehend von der Grundfrage, ob das „Böse“ im Menschen denn eine Art Krankheit sei, die man heilen und vom Guten des Menschen trennen könnte, entschließt sich der junge Londoner Arzt Henry Jekyll zum Eigenversuch und spritzt sich sein selbst entwickeltes Medikament, das zuvor strikt vom Rat der Ärztekammer abgelehnt wurde. So spaltet sich Jekylls Persönlichkeit und aus dem frisch verlobten Arzt wird ein grausamer Mörder, der als Edward Hyde eine Blutspur durch ganz London zieht. Aus dem einmaligen Selbstversuch wird ein unkontrollierbares Experiment und der neue Charakter „Hyde“ gewinnt die Überhand, so dass Jekyll am Schluss selbst die Menschen, die er liebt, angreift und sie töten möchte. Es bleibt nur noch ein Ausweg: Jekyll, bzw. Hyde, muss sterben!

Jan Ammann verkörpert bei den Bad Hersfelder Festspielen die Rolle des zwiegespaltenen Dr. Jekylls höchst eindrucksvoll. So versteht er es, den Charakter in seiner ganzen Zerrissenheit perfekt darzustellen. Als Dr. Jekyll wirkt er sympathisch und manchmal sogar etwas schüchtern. Als Hyde hingegen dreht Ammann auf und zeigt eine Seite an sich, die man ansonsten noch nie gesehen hat, bzw. nie vermuten würde. So kennen eingefleischte Musicalgänger den Künstler als König Ludwig II. von Bayern, den er im Musical „Ludwig²“ in Füssen spielte, die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit des Königs spiegelt sich ab und zu in seiner Darstellung des Dr. Jekylls wieder, doch als „Mr. Hyde“ wird Ammann zum mörderischen „Tier“. Wer ihn als „Biest“ in „Die Schöne und das Biest“ erlebt hat, der könnte höchstens eine Parallele im Verstellen der Stimme entdecken, jedoch fehlt Jan Ammann hie jegliche Maskerade und die Kunst ist es, dass er sich in den Bösewicht verwandelt, ohne sich einmal groß optisch zu verändern.
„Diese Rolle ist eine große Herausforderung für mich“, so Ammann, „körperlich fordert sie sehr fiel von mir und der Wandel vom guten zum bösen Menschen, der vor allem bei dem Lied „Konfrontation“ am Ende fließend ineinander übergehen muss, ist eine große Anforderung gewesen. Ich habe kein Kostüm, das zeigt, dass ich nun böse sein muss, gerade einmal der Ledermantel, der eben kennzeichnend für Mr. Hyde ist, darum muss der Zuschauer mir völlig abnehmen und glauben, dass ich durch das Spritzen der Substanz zu einem Mörder werde, ohne dass man sieht, wie ich äußerlich zu einem Monster mutiere!“
Gesanglich meistert Jan Ammann die anspruchsvollen Lieder einwandfrei. Als eindeutiges Highlight kann man sein Solo „Dies ist die Stunde“ bezeichnen, dabei wird schrittweise die gesamte Stiftsruine beleuchtet und das passend zur Steigerung des Liedes. Am Ende erstrahlt die gesamte Kirche, der Zuschauerraum inklusive, in hellem Licht. Diese Szene hat beinahe etwas Heiliges an sich, da nun sinnbildlich die „Erleuchtung“ Jekylls kommt – er weiß, was er will und nimmt alle Konsequenzen in Kauf, seien sie auch noch so grausam!

Die Akustik der alten Stifsruine ist sehr gut, trotz Mikrofone, die natürlich nötig sind, trägt der natürliche Hall des Gemäuers zu einem Klangerlebnis der Extraklasse bei. Einzig bei starkem Regen, vor dem man bei Freilichtaufführungen leider nie gefeit ist, stört das Prasseln der Tropfen auf das Dach des Zuschauerraumes, den Klang der Gesang- und Sprechparts.

Wenn Jan Ammann von hohen körperlichen Anstrengungen spricht, so behält er völlig Recht. Das Bühnenbild ist eher schlicht, wenn nicht sogar, karg gehalten. Ein paar Krankenhausbetten stehen da, die eben Dr. Jekylls Wirkungsraum darstellen, ein kleiner Holzpavillon, eine Säule sowie einige große Baugerüste, die kunstvoll in die Handlung eingebaut und so zu einem Büro oder einer Taverne umfunktioniert werden. Ammann bewegt sich wie eine Katze auf dem Gerüst und trotz der Nässe des Regens balanciert er auf den Stangen, zieht sich wie ein Reckturner hoch und singt dabei noch seine Arien. Ein potentieller Jekyll dürfte also keinesfalls unsportlich sein bei dieser Inszenierung!
Und auch die weiblichen Hauptrollen, so unter anderem Maaike Schuurmanns als Prostituierte „Lucy Harris“ (gesanglich perfekt und sehr stark bei ihren Solos), muss oftmals das Gerüst erklimmen und einige Verrenkungen dort vornehmen, bei denen der Zuschauer stets ängstlich beobachtet, ob die Künstler nun fallen oder nicht!

Ein paar klassischere Kulissen wären wünschenswert gewesen, um die Handlung besser zu unterstützen. Das Gerüst erweckt nämlich den Anschein, dass sich die Bühne noch im Rohbau befindet und es setzt doch große Flexibilität der Zuschauer voraus, dass diese sich hierdurch einwandfrei eine Szenerie geistig vorstellen können, die gar nicht existiert.
Doch dies sind die einzigen Kritikpunkte, die durch das großartige Spiel der Darsteller schnell wieder kompensiert werden.
Die Rolle der Lisa, der Verlobten Dr. Jekylls, wird normalerweise von der Niederländerin Annemieke van Dam gespielt, diese erkrankte jedoch und so übernahm Barbara Obermeier den Part. Der Charakter der Lisa bleibt sehr oberflächlich beleuchtet, trotz einiger schöner Gesangsparts ist die Rolle ohne Tiefgang und fällt gegen Jekyll oder auch Lucy ab. Obermeier besticht durch ihre glockenklare Sopranstimme und, obwohl sie bisher nicht zum Einsatz kam, spielte sie die Rolle mit großer Souveränität und Routine, so dass niemandem auffiel, dass sie nicht die Erstbesetzung ist.
Eine Krankheitswelle ereilte die Cast des Musicals auch weiterhin – so fiel Rory Six, der den besten Freund Jekylls „Utterson“ spielte, aus. Seine Rolle wurde von Till Schubert, der in 2 Stunden den gesamten Part lernen musste, ersetzt! Trotz ein paar kleiner Hilfsmittel, wie ein Buch, in dem die Textzeilen standen, meisterte Schubert die schnell erlernte Rolle faszinierend fehlerlos!

Dem Bad Hersfelder Publikum wurde insgesamt ein hochkarätiges Ensemble präsentiert, das trotz der schlichten Kulissen, die Handlung des Musicals einwandfrei präsentierte und zum Leben erweckte. Der letzte Vorhand für Londons Mörder „Jekyll bzw. Hyde“ fällt am Sonntag, den 03.08.08 – man darf gespannt sein, welches Musical in der kommenden Spielsaison auf der Bühne der Hersfelder Stiftsruine zu sehen sein wird. „Jekyll&Hyde“ zu wählen, war ein sehr mutiger Schritt der Intendantin, ein blutrünstiges Stück, das in die tiefen Abgründe der Seele eines Menschen blickt, ist kein leichter Stoff, doch die Frage, ob es das Böse wirklich gibt, beantwortet das Musical allemal! Das Böse lebt in jedem von uns, bei manchen Menschen kommt es durch Taten, wie Hyde sie verübt, zum Vorschein, bei anderen wird diese Seite ein Leben lang still beherbergt und niemals erweckt. Doch dass man das Böse vom Guten separieren kann, wie Dr. Jekyll es versuchte, ist unmöglich und, wie das Stück zeigt, zum Scheitern verurteilt!



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